München, Ostbahnhof. Ein Tag im Februar, es klirrt die Kälte. Im unterirdischen Übergang zwischen Gleisen und Geschäften hat sich eine ältere Dame eingerichtet. Offensichtlich ist es derzeit ihr Schlafplatz und Lebensmittelpunkt mitsamt ihrem übersichtlichen Hab und Gut. Die Menschen hetzen an ihr vorbei. Etwas irritiert mich und ich bleibe stehen. Die Frau ordnet gedankenverloren wenige Blumen in einem Trinkglas. Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit gilt diesem innigen Moment. Sie bewahrt sich ihre Würde. Das berührt mich.
Armut ist nicht sexy – anders als dies ein Regierender Bürgermeister einst für Berlin reklamiert hat. Als mehrdimensionales Problem verweist Armut auf ökonomische, soziale sowie kulturelle Aspekte (vgl. Butterwegge 2021: 13). Wann war Armut schon mal sexy?
„In einer so reichen Gesellschaft wie der unseren ist Armut nicht gott- oder naturgegeben, sondern vorwiegend systemisch, d. h. durch die bestehenden Eigentums-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse bedingt.“ (ebd.: 11 f.)
Die Realität ist: Auch im reichen Deutschland gibt es vermehrt arme Menschen. Vor allem Arbeitslose, Rentner:innen, Alleinlebende, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung und Alleinerziehende mit ihren Kindern sind armutsgefährdet oder von sozialer Ausgrenzung bedroht (vgl. Destatis 2026; Der Paritätische 2025). Seit drei Jahrzehnten widmet sich der Armutsforscher Christoph Butterwegge unter anderem dem Problem der Kinderarmut. Seitdem konstatiert er einen Anstieg in diesem Bereich, wirksame Gegenmaßnahmen der unterschiedlichen deutschen Regierungen in diesem langen Zeitraum: Nahezu Fehlanzeige!
„Trotz des Mitgefühls und der Betroffenheit, die Kinderarmut bei Erwachsenen hervorrufen mag, wird die soziale Ungleichheit von Minderjährigen immer noch viel zu wenig beachtet. Dass es sie überhaupt gibt, ist ein Skandal, aber auch ein Armutszeugnis für die politisch Verantwortlichen, den Sozialstaat und die ganze Gesellschaft.“ (Butterwegge/Butterwegge 2021: 12)
Hier stehen wir also alle in der Verantwortung! Mit wenigen Ausnahmen (Wohngelderhöhung, Entbürokratisierung des Kinderzuschlags, Entfristung des Unterhaltsvorschusses) lassen grundlegende politische Reformen bis heute auf sich warten. Butterwegge schlägt vor, auf eine individuelle Förderung (etwa durch multiprofessionelle Teams an Schulen), infrastrukturelle und institutionelle Förderung zu setzen.
Ungerechtigkeit oder Ungleichheit?
Die vorherrschende Verteilung von Vermögen gilt als ungerecht und demokratiegefährdend (vgl. Der Paritätische 2025). Eigentum und Erbrecht von Bürger:innen werden einerseits geschützt, andererseits verweist das Grundgesetz im Artikel 14 darauf: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Im Unterschied zur Ungleichheit steht Ungerechtigkeit in Verbindung mit einer Auslegung von geltendem Recht und ist meist schwer in konkreten Zahlen zu erfassen.
Um die Verteilung materieller oder symbolischer Ressourcen geht es bei der Ungleichheit. Sie wirkt sich neben den direkten finanziellen Zahlen auch auf den Gesundheitszustand, die Wohnsituation und Bildungschancen (vgl. Butterwegge/Butterwegge 2021: 12) aus. Der Zugang zu (höherer) Bildung hängt in Deutschland schon seit geraumer Zeit weniger vom individuellen Potenzial, sondern vielmehr von der finanziellen Potenz sowie dem Bildungsstand der Eltern ab. Die Lebenswege von Menschen werden dadurch entscheidend beeinflusst – von klein auf bis ins hohe Alter.
Armut und Reichtum: Zwei Seiten einer Medaille
Um die unterschiedlichen Lebenslagen in Deutschland untersuchen zu können, hat die aktuelle Bundesregierung einen Bericht vorgelegt, in dem Armut und Reichtum in den Fokus rücken (vgl. BMAS 2025). Im öffentlichen Diskurs wird häufig nur eine Seite der Medaille betrachtet, wie Carolin und Christoph Butterwegge monieren.
„[D]en Reichtum auszublenden, ist realitätsverzerrend, wenn nicht gar ein bewusstes ideologisches Ablenkungsmanöver. […] Armut lässt sich als individuelles Problem abtun, dem auf karitativem Wege begegnet werden kann, materielle Ungleichheit hingegen nicht.“ (Butterwegge/Butterwegge 2021: 14)
Diese Form der Ungleichheit verweist auf die Struktur unserer Gesellschaft mit ihren Klassen und Schichten (vgl. ebd.) und ist für ein Gesamtbild unverzichtbar. Oder frei nach Horkheimer: Wer vom Reichtum nicht reden will, sollte auch von der Armut schweigen. Das wiederum würde eine demokratische und solidarische Lebensform enorm schwächen.
Literatur:
BMAS [Bundesministerium für Arbeit und Soziales] (2025): Lebenslagen in Deutschland. Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. [online] https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Berichte/siebter-armuts-und-reichtumsbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=1 [abgerufen am 01.03.2026]
Butterwegge, Carolin/Butterwegge, Christoph (2021): Kinder der Ungleichheit. Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt. Frankfurt am Main: Campus.
Butterwegge, Christoph (2021): Armut, 5. Aufl. Köln: PapyRossa.
Destatis (2026): 16,1 % der Bevölkerung in Deutschland sind armutsgefährdet. [online] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_039_63.html [abgerufen am 10.03.2026]
Der Paritätische (2025): „Sprengstoff für die Demokratie“ – Neuer Regierungsbericht: Vermögensverteilung in Deutschland extrem ungleich. [online] https://www.der-paritaetische.de/alle-meldungen/sprengstoff-fuer-die-demokratie-neuer-regierungsbericht-vermoegensverteilung-in-deutschland-extrem-ungleich [abgerufen am 10.03.2026]