1. Februar 2026

Brechts Lehrstücke (1): Die irritierende Bezeichnung

„Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“ (Brook 1983: 9)

Peter Brooks verbale Reduktion auf den Kern des Theaters wurde weltweit bekannt. Bertolt Brecht vertrat schon zuvor eine weitaus radikalere Ansicht: „Das Lehrstück lehrt dadurch, daß es gespielt, nicht dadurch, daß es gesehen wird. Prinzipiell ist für das Lehrstück kein Zuschauer nötig, jedoch kann er natürlich verwertet werden.“ (GBA 22.1: 351) Die in vielerlei Hinsicht bedenkens- und bemerkenswerte „Basisregel“ (Steinweg 1972: 87) erfordert nicht nur eine neue „Zuschaukunst“ (GBA 22.1: 124), sondern auch eine veränderte Darstellungsweise für die Spieler:innen (Steinweg 1995: 35). Wobei sich in erster Linie der Begriff „Lehrstück“ zu untersuchen lohnt. Weil darin genau genommen keine Lehre – und idealiter auch keine externe Belehrung – enthalten ist, wäre die Bezeichnung „Lernstück“ (Jürgens 2012: 202) oder auch Entdeckungsstücke „peças de sacação“ (Correia zit. nach Steinweg 1995: 157) bereits präziser. Es handelt sich grundsätzlich ebenfalls nicht um ein Theaterstück für Aufführungszwecke (obwohl Brecht selbst einige Lehrstücke auf die Bühne brachte), was die Formulierung “learning-play“ (GBA 22.2: 941) verdeutlicht (vgl. Vaßen 2021: 394). „Das ‚Lern-Spiel‘ […] verweist jedenfalls auf den Aspekt des spielerischen Lernens, den die Bezeichnung Lehrstück allzu oft verdeckt.“ (ebd.)

„Der Begriff ‚Lehrstück‘ klingt zwar so, als ob es um die Vermittlung abstrakter Einsichten ginge, das Gegenteil ist jedoch der Fall: Kaum eine Gruppenaktivität geht emotional so tief ‚unter die Haut‘ wie das strukturierte Spielen dieser Texte, wenn es Gelegenheit gibt, sich selbst beim Tun zuzusehen, über das dabei Erlebte nachzudenken und sich mit anderen darüber auszutauschen.“ (Steinweg 2012: 112)

Lernende Kollektive können für sich selbst im Spiel und durch die anschließende Reflexion „die Haltungen des hartnäckigen Zweifels, des verfremdenden Blicks, des reflektierten Mißtrauens“ (Jürgens 2012: 202) einnehmen. Dies soll zu alternativen Haltungen und Handlungsoptionen führen, übertragen beispielsweise auf alltägliche (Konflikt-)Situationen. „Die Nachahmung hochqualifizierter Muster spielt dabei eine große Rolle, ebenso die Kritik, die an solchen Mustern durch ein überlegtes Andersspielen ausgeübt wird.“ (GBA 22.1: 351) Diese Muster gesellschaftlicher Fallbeispiele haben die Funktion, in den Akteur:innen etwas auszulösen, indem die Handlungen aus dem Lehrstücktext mit jeweils eigenen Handlungen abgeglichen werden, „die ich selber im Gedächtnis aufbewahrt habe, und die Gedanken, […] mit denen, die ich kenne“ (GBA 10.1: 693). Dieser Vorgang läuft in Brechts Schaustücken noch im denkenden Zuschauenden ab und „bekommt im Lehrstückprozeß die neue Qualität der Untersuchung“ (Ritter 1978: 122). Für die Umsetzung der Lehrstücke baut Brecht eine Brücke zu den Schaustücken: „Das Studium des V-Effekts ist unerläßlich.“ (GBA 22.1: 351) Ansonsten werden jedoch „[ä]sthetische Maßstäbe für die Gestaltung von Personen, die für die Schaustücke gelten, […] beim Lehrstück außer Funktion gesetzt. Besonders eigenzügige, einmalige Charaktere fallen aus, es sei denn, die Eigenzügigkeit und Einmaligkeit wäre das Lehrproblem.“ (ebd.) Sowohl für die Schaustücke als auch für die Lehrstücke ist die neue Haltung des Publikums bedeutsam, wie sie Brecht im Sport, Stummfilm oder bei wissenschaftlichen Experimenten beobachtet hat: Sie wird zu einer beurteilenden, abwägenden Haltung (vgl. Steinweg 1995: 34). Diese entwickelt sich in den „soziologischen Experimenten“ (Jürgens 2012: 208) aus dem „politisch-ästhetischen Probehandeln“ (ebd.).

Literatur:

Brook, Peter (1983): Der leere Raum, 11. Auflage. Berlin: Alexander.

GBA = Hecht, Werner/Knopf, Jan/Mittenzwei, Werner/Müller, Klaus-Detlef (Hrsg.) (1989–2000): Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 1–31, Frankfurt am Main: Suhrkamp. 

Jürgens, Martin (2012): Helle Ekstasen. Essays zum Theater und zur Theaterpädagogik. Berlin, Milow, Strasburg: Schibri.

Ritter, Hans M. (1978): Auf dem Weg zum Lehrstück in der Schule. In: Steinweg, Reiner (Hrsg.): Auf Anregung Bertolt Brechts. Lehrstücke mit Schülern, Arbeitern, Theaterleuten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 113–144.

Steinweg, Reiner (1972): Das Lehrstück. Brechts Theorie einer politisch-ästhetischen Erziehung. Stuttgart: Metzler.

Steinweg, Reiner (1995): Lehrstück und episches Theater. Brechts Theorie und die theaterpädagogische Praxis. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel.

Steinweg, Reiner (2012): Lehrstückspiel als Gegenstand der Friedensforschung. In: Nix, Christoph/Sachser, Dietmar/Streisand, Marianne (Hrsg.): Lektionen 5. Theaterpädagogik. Berlin: Theater der Zeit, S. 111–116.

Vaßen, Florian (2021): „einfach zerschmeißen“. Brecht Material. Lyrik – Prosa – Theater – Lehrstück. Berlin, Milow, Strasburg: Schibri.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

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