20. Juli 2026

Nein

„Am 20. Juli eines jeden Jahres erinnern wir uns an den bekanntesten und aussichtsreichsten Versuch, das NS-Regime zu stürzen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Helmuth James Graf von Moltke, Hans Oster, Hans von Dohnányi […] und so viele andere. Sie waren es, der eine früher, der andere später – aber wer bin denn ich, darüber zu befinden –, die den Mut gefunden hatten zu handeln. […] Die Frage, die man sich natürlich immer stellt: Was wäre gewesen, wenn das Attentat des 20. Juli 1944 geglückt wäre? Diese Frage drängt sich mir jedes Mal auf, sobald ich mich mit diesem Tag beschäftige. Hätte man Auschwitz und all die anderen Vernichtungslager früher befreien und Hunderttausende Leben retten können? Wäre der Krieg schneller zu Ende gegangen? Und wären vielleicht Millionen Menschen nicht getötet worden? […] Wir können das nicht wissen. […] Was wir aber wissen: In den zehn Monaten zwischen dem Tag des gescheiterten Attentatsversuchs und der Kapitulation forderten der Krieg und der nationalsozialistische Terror noch einmal so viele Todesopfer wie in allen vorangegangenen Kriegsjahren zusammen. […] Der Aufstand misslang, und der Preis dafür war unermesslich hoch. […]

Meine Mutter hat mir vieles beigebracht, sehr vieles. Auch dass man sich entscheiden muss – und dass es dazu manchmal keine zweite Gelegenheit gibt. Und fast noch wichtiger, dass Nichtstun ebenfalls eine Entscheidung ist. Wie oft geht mir das in letzter Zeit durch den Kopf. Nämlich eine Entscheidung für das Wegschauen, das Geschehenlassen.“ (Brandt 2026: 56 ff.)

Die Rede von Matthias Brandt, Schauspieler und Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, vom 20. Juli 2025 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch (2026) erschienen, mit dem Titel „Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute“.

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