4. Juli 2026

250 Jahre Unabhängigkeit?

„In diesem Jahr, am 4. Juli, jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Viele Amerikaner feiern das mit gewohnt patriotischem Pathos. Die Zahl 250 ist schon seit Wochen allgegenwärtig im Land, auf Fahnen und Schildern, auf T-Shirts, Käppis und Sammelmünzen, auf Bettwäsche-Sondereditionen oder auch in Form von ‚America 250 Years‘-Hamburger-Deals.“ (Herrmann 2026)

Vom Land of the Free zum Land of Merchandise. Vermarktung ist alles, alles wird potentiell zum Konsumobjekt für den Kapitalmarkt. Werfen wir einen Blick zurück auf die offizielle Geburtsstunde der USA, bevor der Kapitalismus seinen Siegeszug antrat. Am 4. Juli 1776 verabschiedet der Kontinentalkongress in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung. Die ideale Idee: Alle Menschen haben mit ihrer Geburt unveräußerliche Rechte – sie sind nun frei und gleich. Vor allem dadurch sind die Vereinigten Staaten von Amerika, insbesondere nach dem eigenen Selbstverständnis, das Mutterland der modernen Demokratie. Diese Erzählungen über die eindrucksvollen Errungenschaften sind in diesen Tagen unzählige Male zu hören und zu lesen. Wie stabil bleibt das Narrativ wenn wir bereit sind, die Perspektive zu wechseln? What about „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ for all of us?

Diese Gedanken waren zu schön, um wahr zu sein. Für Frauen, People of colour und Ureinwohner:innen galt das Versprechen der Unabhängigkeit und Freiheit schon mal nicht. Es war exklusiv für weiße, männliche Eigentümer reserviert. Selbst der erste US-Präsident George Washington war bis zu seinem Tod – rekurrierend auf die posthume Form der manumissio – Sklavenhalter. Afrikanische Leibeigene kämpften für ihre Freiheit und reichten Petitionen ein, mit Verweis auf die Unabhängigkeitserklärung (vgl. Berg 2026) und den darin enthaltenen freiheitlichen Idealen eines weiteren Sklavenhalters, dem Hauptverfasser der Declaration of Independence Thomas Jefferson. Unterm Strich schlug eine allgemeingültige Emanzipation fehl, Sklaven blieben das mobile entmenschlichte Eigentum. Daran erinnerte Frederick Douglass noch 1852: „Dieser 4. Juli gehört euch, nicht mir! Ihr mögt jubeln, ich muss trauern!“ (ebd.)

Ursünden in der Demokratiegeschichte der USA

Neben der Sklaverei zählt die Verdrängung und Ermordung der amerikanischen Ureinwohner:innen zu den historischen Ursünden der US-Demokratie (vgl. Sattar 2026). Für die etwas andere Einordnung des 250. Geburtstags hilft die Begegnung eines Journalisten der Süddeutschen Zeitung mit Oren Lyons. Der Mann ist 96 Jahre alt und bei den Native Americans bekannt als Joagquisho, was übersetzt „Der strahlende Sonnenaufgang, der Spuren im Schnee hinterläßt“ bedeutet (Herrmann 2026). Die beiden Namen für dieselbe Person stehen auch für ein Leben in zwei Welten – der „westlichen Welt“ (ebd.) und der Welt der Onondagas. Sie gehören zur Konföderation der Haudenosaunee respektive Irokesen.

„Wir haben Autos und iPhones aber wir leben auch im Matriarchat und tragen Federschmuck.“ Joagquisho (ebd.)

Teile der USA wurden von den Ureinwohner:innen bereits vor rund 10.000 Jahren besiedelt und beackert – also lange „bevor in der sogenannten Alten Welt die Ägypter ihre Pyramiden, die Griechen ihre Tempel und die Römer ihre Thermen bauten“ (ebd.). Und bevor vor etwa 500 Jahren die ersten europäischen Schiffe hier anlegten, organisierte sich die Irokesen-Konföderation aus mehreren indigenen Stämmen bereits basisdemokratisch (vgl. ebd.). 250 Jahre USA können demnach als ein Kapitel in der Geschichte der Demokratieentwicklung verstanden werden. Es war jedoch sehr wahrscheinlich nicht der Beginn, wie so gerne an diesem Jubiläumstag behauptet wird. „Der indianische ‚Urzustand‘ schien wie dazu gemacht, den Bürgern der Vereinigten Staaten das zu bieten, was liberal und republikanisch gesinnten Europäern ihr Antike war: Das Idealbild eines demokratisch und republikanisch gesinnten Gemeinwesens.“ (Wagner 2004: 317 f.)

Literatur:

Berg, Manfred (2026): „Ihr mögt jubeln, ich muss trauern“. In: Die Zeit [online]: https://www.zeit.de/2026/24/unabhaengigkeitserklaerung-sklaverei-usa-george-washington-thomas-jefferson/komplettansicht [abgerufen am 12.06.2026].

Herrmann, Boris (2026): Dann feiert mal schön. In: Süddeutsche Zeitung [online]: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/usa-trump-indigene-e913049/ [abgerufen am 12.06.2026].

Sattar, Majid (2026): Der Schatten von Mount Rushmore. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung [online]: https://www.faz.net/aktuell/politik/usa-unter-trump/250-jahre-usa-was-der-4-juli-fuer-die-ureinwohner-bedeutet-accg-200945317.html [abgerufen am 02.07.2026].

Wagner, Thomas (2004): Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation. Münster: LIT.

Foto: gemeinfrei. „Fourth of July Declaration by the President“ – NARA – 514323.jpg

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