War am Anfang vielleicht doch nicht das Wort…
… sondern die Pause?
„Das Wort, die Antwort kommt aus dem Schweigen. Es bricht das Schweigen und setzt es aber nicht auf beredte Weise fort, als sei alles im Grunde schon gesagt, eben deshalb ist jedes Gespräch ein unterbrochenes Gespräch, das mit einer Pause beginnt und das auch mit ihr endet.“ (Waldenfels 2002: 219)
Eine schweigende Pause muss nicht dogmatisch am Anfang eines jeden Theaterstücks stehen. Der Gedanke von Bernhard Waldenfels kann uns jedoch zu einem spielerischen Umgang mit dem Einstieg in eine Inszenierung verleiten: Wäre anfangs statt des gesprochenen Textes zum Beispiel der erste Blick aufs Bühnenbild mit Schauspieler:innen im Freeze, ein musikalischer Auftakt, ein eindeutiges/mehrdeutiges Geräusch, eine atmosphärische Soundcollage oder ein Bewegungsrhythmus spannend? Dies hängt insgesamt vom Inszenierungskonzept und der individuellen Lesart des Stücks ab. Vielfach eröffnet sich durch das Ausprobieren einer Alternative zum Sprech-Start ein neuer Zugang.
In den Monologen, Dialogen und chorischen Elementen der situativen Textumsetzung wird nach meiner Erfahrung die Wirkung von Pausen am meisten unterschätzt. In Kursen und Proben begründen die Akeur:innen ihre Zurückhaltung im Umgang mit dem Schweigen meistens mit der Peinlichkeit der Stille. Es entsteht Unsicherheit – das Publikum könnte denken, da hat jemand seinen Text vergessen (Blackouts erleben alle mal, die Unterstützung der Spielpartner:innen kann einen eleganten Ausweg ermöglichen). Eine unangenehme Pause ist im Stück manchmal erforderlich, wenn die Figur beispielsweise beim Lügen ertappt wird. Wie kann demgegenüber eine ungewollte Peinlichkeit für die Privatperson auf der Bühne bewusst vermieden werden? Vor allem wenn ich mich traue, eine souveräne Pause zu setzen, indem ich in der Situation bleibe und eben nicht aussteige. Der Zuschauende sieht die Spielerin beim Denken und bleibt dadurch ebenso, bestenfalls gefesselt, im Moment des Augenblicks. Und das Erstaunen ist enorm, wenn Sprechende und Zuhörende durch Ausprobieren merken, wie laaaaaaaaaaaaaaange eine Pause tragen kann. Und wie sich derselbe Text dadurch unter Umständen verändert.
„Im Sprechen und Hören zeigen sich Pausen, Zäsuren in der Rede, in Sätzen, offenen Fragen eröffnen sich Räume in der Zeit, die durch das Schweigen strukturiert, gestimmt, rhythmisiert und bedeutet werden und zur Schwere einer Rede wie auch seiner Leichtigkeit und Behändigkeit […] beitragen können.“ (Westphal 2008: 170)
Einer der prägenden Komponisten des letzten Jahrhunderts, John Cage, trieb es 1952 mit seinem Silent Piece (auch bekannt unter dem Titel 4’33“) auf die Spitze: Die Uraufführung bestand darin, dass der Pianist zwischen dem Öffnen und Schließen des Klavierdeckels über vier Minuten und 33 Sekunden keinen einzigen Ton spielte. Was passierte währenddessen? Die durchgängige Pause brach in extremer Weise die Erwartungshaltung der überwiegend irritierten Zuhörenden, die ihrerseits diverse Geräusche erzeugten (vgl. Cage, zit. n. Deufert).
Eine Klang- oder Sprechpause bedeutet also keineswegs zwangsläufig Stille oder Stillstand – weder in der körperlichen Aktion und schon gar nicht hinsichtlich der mentalen Aufmerksamkeit der Figuren. Es passiert eine ganze Menge in den Pausen, dabei wird ohne Worte viel erzählt: Meine Rolle überlegt sich etwa ihre nächste Handlung, indem die Reaktionen der anderen Mitwirkenden wahrgenommen werden. Oder meine Figur wägt ihre Worte ab… stockt dabei immer wieder… bevor sie ausgesprochen werden (obwohl die Darsteller:innen den Text paradoxerweise häufig sehr gut kennen). Oder es wird in der (Denk-)Pause verzweifelt ein Ausweg aus einem bestehenden Dilemma gesucht – vielleicht geht es um eine gravierende Entscheidung, die dieses Leben verändern wird! Oder …
„The rest is silence“ sind die berühmten letzten Worte Hamlets. Vor allem ist die (vermeintliche) Stille, das Schweigen, die Pause auch in der darstellenden Kunst ein wesentlicher Bestandteil der Textarbeit und des lebendigen Interagierens der Beteiligten.
Literatur:
Deufert, Kattrin (o. D.): Situationen aus Nichts-tun im Theater [online]. http://www.dissense.de/nt/deufert.html [abgerufen am: 31.10.2026].
Waldenfels, Bernhard (2002): Bruchlinien der Erfahrung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Westphal, Kristin (2008): Lernen als Unterbrechung. Aspekte einer Phänomenologie des Schweigens im Theater/Spiel. In: Mitgutsch, Konstantin/Sattler, Elisabeth/Westphal, Kristin/Breinbauer, Ines M. (Hrsg.): Dem Lernen auf der Spur. Die pädagogische Perspektive. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 159–173.