29. August 2026

Sommermärchen 2006

Jede:r kann sich an ihn erinnern: An den persönlichen Sommer des Lebens. So leicht, so unbeschwert, so intensiv sind Begegnungen und Erlebnisse. Nicht selten verbunden mit dem Wunsch, dieser Sommer möge ein ewiger Begleiter bleiben…

Falls es so einen Sommer auch für eine ganze Nation und ein weltweites Ereignis geben sollte, dann war es möglicherweise der strahlende Sommer mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, vulgo das Sommermärchen. Die Lichtgestalt Franz Beckenbauer fungierte als Schlüsselfigur bei dem Vorhaben, das Großereignis nach 1974 wieder in die deutschen Stadien zu holen und so

„kam gar niemand darauf, argwöhnisch zu fragen, wie die WM nach Deutschland gekommen sei. […] Es war im kollektiven Gedächtnis die Zeit der Zuversicht. […] Konnte eine derart ausgelassene Weltmeisterschaft nur zu jener Zeit stattfinden?“ (Reng 2026: 384)

In meiner Erinnerung war der Fußball-Sommer 2006 ein faszinierendes Fest. Ich wechselte permanent zwischen Fußball-Songs, O-Tönen von Spielern oder Torjubel-Gänsehaut für die Sendungen im Radio-Studio mit Hupkonzerten und Autokorsos auf den Straßen. Und dabei holte das deutsche Team noch nicht mal den Titel. Was bitte wäre dann vor zwanzig Jahren passiert?

Auch so waren wir von uns selbst, zusammen mit den internationalen Gästen, begeistert und berauscht. Dieses wunderbar entspannte Verhältnis zur Nationalhymne und den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold wurde vom Ausland durchweg positiv wahrgenommen und mit der gastfreundlichen Gelassenheit haben wir uns vor allem selbst überrascht. Eine vergleichbare Haltung wäre übrigens ein wirksames Rezept gegen die aktuelle Hetze, Spaltung und Isolierung. Erheblichen Anteil an der „kollektive[n] Selbstenthusiasmierung“ (Harney/Jütting 2007: 13) hatte das damals noch weitgehend unbekannte Public Viewing. Friedlich-feiernd Fußballschauen im Rudel – unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht – galt als absolut angesagt. Die WM fand also nicht nur in den Stadien und in den Wohnzimmern statt, sondern Open air quer durchs ganze Land.

„Nur weil sie den Menschen ein gehöriges Maß an Freizügigkeit gestatteten, entwickelten sich die Fanmeilen zu solch einem belebten Marktplatz. Zur unbeschwerten Atmosphäre trug auch bei, dass es eben keine offiziellen FIFA-Veranstaltungen waren. Wären überall FIFA-Schilder und FIFA-Stände zu sehen gewesen, hätte es den Leuten das unangenehme Gefühl verschafft, Konsument zu sein. So aber, fand Hans-Jürgen Schulke, waren sie ‚Flaneure‘ im Sinne Walter Benjamins. Der Philosoph hatte mit dem Begriff Ende des 19. Jahrhunderts einen neuen Typus Stadtmenschen beschrieben.“ (Reng 2026: 127)

Flaneure auf der Fanmeile – eine interessante Verbindung von zwei entfernten historischen Abschnitten. Bei der Fußball-WM vor wenigen Wochen hingegen war der FIFA nichts mehr heilig: Die Kapitalismusspirale wurde mit astronomischen Ticketpreisen, verordneten Trinkpausen und einer XXXLLL-Halbzeitpause am Finaltag in schwindelerregende Höhen gedreht.

Der Sommer deines Leben kann dich in ungeahnten Sphären schweben lassen – so, dass du am liebsten für immer weiterfliegen willst. Irgendwann aber kommt die Landung, denn fürs dauerhafte Glück ist der Mensch gar nicht gemacht. Und irgendwie ist es auch gar nicht so schlecht, mit Bodenhaftung durchs Leben zu gehen. Und sich zwischendurch mit einem beglückenden Luftsprung an den Sommer seines Lebens zu erinnern. So leicht, so unbeschwert, so intensiv.

Abschließend einige Empfehlungen für alle, die noch einmal in die Zeit des Sommermärchens 2006 – zum Teil auch in kritischer Auseinandersetzung – eintauchen möchten.

Buch-Tipp:

„Der deutsche Sommer. Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ von Ronald Reng (Autor), 2026, Piper Verlag, München.

Podcast-Tipp:

“Das Geld zu Gast bei Freunden – Die wirklich wahre Geschichte, wie Deutschland WM-Gastgeber 2006 wurde”, 2026, sportschau-Podcast der bildundtonfabrik für ARD Sounds im Auftrag des SWR.

Film-Tipps:

„Deutschland, ein Sommermärchen“ von Sönke Wortmann (Buch/Regie/Kamera/Produktion), Dokumentarfilm, 2006, Deutschland.

„Mission Sommermärchen. Deutschlands Weg zur WM 2006“ von ZDF, dreiteilige Doku-Serie, 2026, Deutschland.

Literatur:

Harney, Klaus/Jütting, Dieter H. (2007): Massenhaftes Zuschauen. FIFA-WM und Projekt Klinsmann. Beobachtungen zur FIFA-Weltmeisterschaft 2006. In: Jütting, Dieter H. (Hrsg.): Die Welt ist wieder heimgekehrt. Studien zur Evaluation der FIFA-WM 2006. Münster: Waxmann, S. 11–23.

Reng, Ronald (2026): Der deutsche Sommer. Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog. München: Piper.

Foto: René Stark – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=855426

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