April 8, 2022

Kompetenz

Eltern wie Lehrende suchen nach Unterstützung für die „richtige“ Begleitung beim Entwicklungsprozess von Kindern – und werden zunehmend verunsichert. Unzählige Meinungen oder Ratgeber wollen Orientierung mittels messbarer Antworten geben, Hartmut Rosa schreibt von der „Parametrisierung der Kompetenzentwicklung“ (Rosa, 2021, S. 78). Wollen wir Bildungsprozesse messen und steuern, dann sollen sie somit verfügbar gemacht werden (ebd.). Nachdem bereits in den 1960er Jahren das Gespenst der Bildungskatastrophe umging, schrillten spätestens nach dem PISA-Schock die Alarmglocken im deutschen Bildungswesen. In internationalen Vergleichsstudien wie PISA, TIMSS und IGLU beleg(t)en deutsche Schülerinnen und Schüler überwiegend Plätze im Mittelfeld. Nach dieser ernüchternden Bilanz sollten künftige Ergebnisse mittels „verstärkter Outputorientierung“ (Schott & Azizi Ghanbari, 2012, S. 14) optimiert und somit die Leistungen überprüfbar werden.

Zeitdruck und ständige Konkurrenz im Bildungswesen sind für Rosa die Resonanzkiller schlechthin. Bildung stellt sich im Idealfall als halbverfügbar in der Resonanz zwischen Subjekt und Welt (vgl. Rosa, 2021, S. 79), in selbstwirksamen Momenten, ein. Im Grunde ist Bildung unverfügbar, da die „Entzündungsmomente“ (ebd.) unplanbar und unvermutet, mitunter nebenbei, passieren. Kompetenzen können eine Unterstützung sein, sie lassen sich verfügbar machen – der Endzweck von Bildung sind sie nach dem Verständnis von Rosa nicht (ebd.). Was genau ist dieser Endzweck? Sind es diverse beliebige Philosophien aus dem Humboldtschen Elfenbeinturm, deren geistige Schöpfer*innen sich nicht um die Umsetzung kümmern müssen? Ohne den PISA-Knall befände sich die deutsche Bildungspolitik möglicherweise noch heute in dem Glauben, dass das Bildungssystem hierzulande zu den weltweit führenden zählen würde (vgl. Schott & Azizi Ghanbari, 2012, S. 16). Bildungsstandards und Ertragsorientierung streben einen faktenbasierten Vergleich gegenüber der reinen Inputstrategie an. Das Resultat aus diesem Diskurs ist vielfach eine „Frontlinie“ (Rosa, 2021, S. 80), die zwischen den Ideologien der messbaren Verfügbarkeit und der Resonanz einen tiefen Graben gezogen hat. 

Wie selbstbestimmt kann, respektive soll, Kompetenzerwerb und lebenslanges Lernen de facto sein? Gibt es adäquate Alternativen für diejenigen, deren Umstände eine gewöhnliche Aneignung nicht zulassen? Oder findet zumindest informelles Lernen über die gesamte Lebensbiografie unweigerlich statt? Und kann die Gemeinschaft/Wirtschaft automatisch daran partizipieren oder ist das lebenslange Lernen zuweilen ein isolierter, einsamer (Überlebens-)Kampf ohne Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg und finanzielle Absicherung? Ist jede*r einzelne wirklich ihres*seines Glückes Schmied? 

Literatur:

Rosa, H. (2021). Unverfügbarkeit (2. Aufl.). Suhrkamp.

Schott, F. & Azizi Ghanbari, S. (2012). Bildungsstandards, Kompetenzdiagnostik und kompetenzorientierter Unterricht zur Qualitätssicherung des Bildungswesens. Eine problemorientierte Einführung in die theoretischen Grundlagen. Waxmann.

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