Februar 12, 2022

Jeux Dramatiques

Ausdrucksspiel aus dem Erleben trifft es als freie und gängige Übersetzung für >>Jeux Dramatiques<< meines Erachtens ziemlich prägnant. Diese Methode wurde vom französischen Pädagogen Léon Chancerel unter dem Einfluss Stanislawskis entwickelt und im deutschsprachigen Raum durch Heidi Frei, Theater-pädagogin aus der Schweiz, verbreitet. >>Jeux Dramatiques<< kann für theaterpädagogische Einheiten – übrigens altersunabhängig – eingesetzt werden. Jede*r Teilnehmende (TN) darf nach gemeinsamen Absprachen und der Vorstellung weniger Regeln ins Spiel und damit in Kommunikation mit sich und den Mitspielenden kommen – oder einfach die anderen beobachten, wenn der Impuls für die eigene Aktivität momentan ausbleibt. Besonders intensiv wird es oft, wenn alle TN auf Sprache verzichten. Ein Gong signalisiert den Anfang und das Ende des gemeinsamen Spiels. Alles entsteht im Moment – ohne externe Zuschauer, ohne Textlernen, ohne jeglichen Druck. Hier bekommt das Raum, was mich gerade bewegt. Eine ursprüngliche Form des Spiels, die sich erheblich von der tradierten Vorstellung des Theaters löst. Die Spielleitung sorgt für den stimulierenden Rohstoff anhand einer vorgelesenen/erzählten Geschichte, eines Titelthemas oder mittels Musik, Fotos, unterschiedlichen Stoffen, o. ä. und lässt es bestenfalls irgendwann „laufen“, die Gruppe bestimmt Rhythmus und Temperament des Geschehens. Für manche Pädagog*innen ist dies eine äußerst ungewohnte Art der Anleitung/Begleitung. Nachfolgend wird das Erlebte in der Verarbeitungsphase besprochen. Manchmal erzählen gerade die TN überschäumend, welche im Spiel nicht sehr aktiv waren – sie hatten offensichtlich ein starkes inneres Erleben. Einerseits bietet diese Methode also enorme Freiheiten im pädagogischen Kontext, andererseits weist >>Jeux Dramatiques<< eine klare Struktur durch den RSPV-Zirkel auf:

R = Rohstoff

S = Spielvorbereitung

P = Praktische Durchführung

V = Verarbeitung

Abbildung: RSPV-Zirkel in der Jeux Dramatiques (Quelle: Frei, 2007, S. 49)

Der Einsatz von >>Jeux Dramatiques<< kann übrigens auch als wertvolle Hilfestellung für die Themen- und somit Stückfindung mit Theatergruppen dienen, falls die Spielleitung ihre Akteur*innen am Entscheidungsprozess einbeziehen möchte.

Für Einheiten mit Schüler*innen kann das Ausdrucksspiel aus dem analogen Erleben die Brücke zur virtuellen Welt beispielsweise mittels Videospielen schlagen: Als Rohstoff dienen dann Avatarbilder als mögliche Verbindung von der Lebenswelt der Schüler*innen zum interdisziplinären Unterricht durch den Einsatz von >>Jeux Dramatiques<<.

 

Screenshot: https://www.youtube.com/watch?v=47ytobhyZW4 

„Wenn wir Avatare der Bildungsdimension ‚Grenzbezug‘ einordnen, dann dies daran begründet, dass sie die Grenze zwischen Subjekt und technologischer Struktur überschreiten: Auf der Basis der genannten Beobachtungen erscheint es angemessen zu sagen, dass die ‚Handlungsinstanz‘ in virtuellen Welten ein Nutzer/Avatar-Hybrid, also ein hybrider Akteur ist.“

(Jörissen & Marotzki, 2009, S. 223) 

Literatur: 

Arbeitsgemeinschaft Jeux Dramatiques (Hrsg.) (1987). Ausdrucksspiel aus dem Erleben (2. Aufl.). Zytglogge.

Beil, B. (2012). Avatarbilder. Zur Bildlichkeit des zeitgenössischen Computerspiels. transcript. 

Frei, H. (2007). Jeux Dramatiques mit Kindern 2 – Ausdrucksspiel aus dem Erleben (4. Aufl.). Zytglogge.

Jörissen, B. & Marotzki, W. (2009). Medienbildung – Eine Einführung. Klinkhardt. 

Seidl-Hofbauer, M. (2009). Jeux Dramatiques in der Grundschule. Soziales Lernen durch das Ausdrucksspiel. Brigg Pädagogik.

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